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Schematherapie- Was ist das und für wen eignet sie sich?

Aktualisiert: 17. März

von Dr. Christine Amrhein

Die Schematherapie wurde von Jeffrey Young  in den 1990er Jahren in den USA entwickelt. Sein Ziel war, auf diese Weise auch schwer behandelbaren Patienten, etwa mit chronischen Depressionen oder Borderline-Persönlichkeitsstörungen, helfen zu können. Die Schematherapie basiert auf den Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie und erweitert sie um erlebnis- und handlungsorientierte Vorgehensweisen. Ein wichtiges Element der Therapie ist die bewusste Gestaltung der Beziehung zwischen Therapeut und Patient.


Was ist ein Schema?

Mit einem Schema ist ein typisches Muster von Gefühlen, Gedanken und Empfindungen gemeint, die das Verhalten steuern. Dieses Muster wird in der Kindheit gelernt. Die Schemata dienen dazu, die wichtigsten psychischen Bedürfnisse (Grundbedürfnisse) eines Menschen zu befriedigen, etwa das Bedürfnis nach sicheren Bindungen bzw. zufriedenstellenden Beziehungen oder das Bedürfnis nach Autonomie. Wurden die Grundbedürfnisse in der Kindheit häufig nicht befriedigt, können ungünstige Schemata entstehen. Sie wirken sich langfristig negativ auf das Leben des Betroffenen und auf seine Beziehungen zu anderen Menschen aus.

In der Schematherapie geht es nun darum, die ungünstigen Erlebens- und Verhaltensmuster, die im Lauf der Lebensgeschichte entstanden sind, bewusst zu machen und so zu verändern, dass der Betroffene seine Gefühleund sein Verhalten besser regulieren und seine Bedürfnisse auf eine günstigere Weise befriedigen kann. Dadurch reduzieren sich langfristig auch die psychischen Belastungen und psychischen Symptome.

Beispiele für Schemata

Jemand, der als Kind oft allein gelassen wurde oder viel Zurückweisung erlebt hat, kann das Schema „Verlassenheit“ entwickeln. Der Betroffene hat dann auch als Erwachsener Angst, von anderen verlassen zu werden und klammert sich möglicherweise stark an andere Menschen.

Jemand, der als Kind nicht zur Selbständigkeit erzogen wurde und dem ständig Aufgaben abgenommen wurden, kann das Schema „Abhängigkeit“ entwickeln. Er fühlt sich dann auch als Erwachsener inkompetent und traut sich viele Aufgaben nicht zu. Möglicherweise fühlt er sich  von anderen Menschen abhängig, ordnet sich diesen unter und äußert keine eigenen Wünsche und Bedürfnisse.

Wurde jemand als Kind von seinen Eltern sehr verwöhnt und wurden ihm kaum Grenzen gesetzt, kann das Schema „Anspruchshaltung“ entstehen. Als Erwachsener hat der Betroffene dann das Gefühl, alles bekommen zu müssen, was er will. So kann es sein, dass er schnell wütend reagiert, wenn er nicht bekommt, was er will.


Bewältigungsstile und Schema-Modi

Um mit den Schemata und den damit zusammenhängenden, oft schwer erträglichen Gefühlen umzugehen, entwickeln die Betroffenen nach Young bestimmte Bewältigungsstile.


Diese können von Situation zu Situation variieren. Young unterscheidet drei ungünstige (maladaptive) Bewältigungsstile:

Beim Sich-Fügen / Erdulden fügt sich jemand in sein Schema. Er führt dann oft Situationen selbst herbei, die das Schema auslösen und hält die Situation aus, ohne etwas zu verändern. Hat jemand zum Beispiel das Schema „Selbstaufopferung“, tut er alles Mögliche für andere, so dass er kaum Zeit für sich selbst hat. Obwohl ihm dies nicht gut tut, versucht er nicht, die Situation zu verändern.

Bei derÜberkompensation“ kämpft der Betroffene gegen das Schema an, verbirgt die damit zusammenhängenden Bedürfnisse und Gefühle und versucht, sich seinem Schema entgegengesetzt zu verhalten. So versucht jemand mit dem Schema „Unzulänglichkeit“ zum Beispiel, alles perfekt zu machen – oder er neigt dazu, anderen die Schuld zu geben, wenn etwas falsch läuft.

Der dritte Bewältigungsstil ist das Vermeiden. Hier verhält sich jemand so, dass das Schema möglichst nicht aktiviert wird – zum Beispiel, indem er seine Gefühle unterdrückt, enge Beziehungen vermeidet oder Ablenkung durch Alkohol oder Drogen sucht.

Veränderung der Schemata durch Rollenspiele

Um die Schemata zu verändern, werden in der Therapie häufig Rollenspiele durchgeführt, bei denen der Patient symbolisch die Rolle der verschiedenen inneren Anteile einnimmt. So soll er sich beispielsweise bildhaft und mit seinen Gefühlen in die Rolle des „inneren Kindes“ in einer bestimmten Situation hineinversetzen und aussprechen, was er (zum Beispiel als „verletztes Kind“) in diesem Moment fühlt.

Der Therapeut kann in dieser Situation die Rolle eines Elternteils übernehmen. Er bringt dem Patienten dann die elterlichen Eigenschaften entgegen, die diesem in seinem bisherigen Leben gefehlt haben. So kann der Therapeut ihm Fürsorge oder emotionale Zuwendung entgegenbringen, ihm Stabilität vermitteln, sein Selbstvertrauen stärken oder seine Unabhängigkeit fördern.

Eine andere Möglichkeit ist, dass der Patient die Rolle wechselt und selbst in die Rolle des „gesunden Erwachsenen“ schlüpft. Er wird dann vom Therapeuten zum Beispiel aufgefordert, für das „verletzte Kind“ zu sorgen und ihm das zu geben, was es in der konkreten Situation gebraucht hätte. Der Therapeut kann den Patienten auch auffordern, auf das Verhalten der Bezugspersonen zu achten, aus der Perspektive des „gesunden Erwachsenen“ in die Situation einzugreifen und so das „verletzte Kind“ zu schützen. Schließlich kann der Patient aus Sicht des „gesunden Erwachsenen“ sagen, wie er günstiger mit der Situation umgehen könnte.

Weiterhin kann der Patient im Rollenspiel die Rolle des „glücklichen Kindes“ einnehmen, das die Dinge spielerisch angeht und Freude und Spaß empfindet. Dadurch soll die Fähigkeit gefördert werden, locker und spontan zu sein – eine wichtige Fähigkeit, um besser mit Stress umzugehen und Probleme im Leben leichter zu nehmen.


Erfolgversprechende Anwendungsbereiche der Schematherapie

Die Schematherapie wird vor allem zur Behandlung von ausgeprägten, lang anhaltenden psychischen Störungen eingesetzt, die sich auf Charaktereigenschaften bzw. auf die Persönlichkeit beziehen. In erster Linie wird sie bei der Therapie von Persönlichkeitsstörungen – vor allem der Borderline- und der narzisstischen Persönlichkeitsstörung – angewendet. Sie kann aber auch bei der Behandlung von chronischen Depressionen, lang anhaltenden Angststörungen, Substanzmissbrauch und Essstörungen von Nutzen sein. Weiterhin kann eine Schematherapie auch in der Paartherapie und bei langjährigen Beziehungsstörungen sinnvoll sein.

Eine schematherapeutische Behandlung ist sowohl bei einer ambulanten Psychotherapie als auch bei der stationären Behandlung psychischer Erkrankungen möglich.


Bewertung Schematherapie

Die Schematherapie ist ein evidenzbasiertes Psychotherapieverfahren, dessen Wirksamkeit nachgewiesen ist. In wissenschaftlichen Studien wurde bisher insbesondere gezeigt, dass diese Therapieform bei Persönlichkeitsstörungen und bei chronischen Depressionen wirksam und genauso hilfreich wie eine kognitive Verhaltenstherapie ist.


Was sind die Vorteile einer Schematherapie?

Ein Vorteil der Schematherapie ist, dass hier Methoden aus verschiedenen Therapierichtungen flexibel miteinander kombiniert werden. Die Schematherapie legt die erprobten Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie zugrunde und ergänzt sie mit weiteren, vor allem emotionsaktivierenden Verfahren. Weiterhin wird in der Schematherapie besonderer Wert auf die Gestaltung der therapeutischen Beziehung als Mittel zur Veränderung gelegt. So kann der Therapeut je nach Patient und Erkrankungsbild, nach dem momentanen Zustand des Patienten und der Phase der Therapie immer die am besten passenden Vorgehensweisen auswählen.


Wo und von wem wird Schematherapie angeboten?

Die Schematherapie wird von psychologischen oder ärztlichen Psychotherapeuten angeboten, die oft eine Ausbildung in Verhaltenstherapie gemacht haben und sich dann im Bereich der Schematherapie weiter qualifizieren (z.B. über das Erlangen der Zertifizierung zum Schematherapeuten).

Wichtige Informationen, Seminare und Workshops zur Schematherapie sowie ausgebildete Schematherapeuten finden Sie hier:


Quellen und Links

Heinrich Berbalk & Jeffrey E. Young (2009): Schematherapie. In: Margraf & Schneider (Hrsg.): Lehrbuch der Verhaltenstherapie, Band 1, S. 645-668, Springer-Verlag, Heidelberg.

Samy Egli & Martin E. Keck (2015). Schematherapie: Ein moderner psychotherapeutischer Werkzeugkasten mit bewährten Instrumenten.

Psychiatrie & Neurologie, Band 3/2015, S. 4-9.Infos zur Schematherapie auf der Webseite von Eckhard Roediger: https://www.schematherapie-roediger.de/info/index_info.htm

Gitta Jacob (2017). Raus aus dem Schema F. Psychische Muster erkennen und die eigene Persönlichkeit entfalten. Beltz, Weinheim.Bamelis,

L. L. et al. (2014). Results of a multicenter randomized controlled trial of the clinical effectiveness of schema therapy for personality disorders. American Journals of Psychiatry, März 2014, Band 171(3), S. 305-322, doi: 10.1176/appi.ajp.2013.12040518.

Carter J. D. et al. (2013). Psychotherapy for depression: a randomized clinical trial comparing schema therapy and cognitive behavior therapy.

Journal of Affective Disorders, Band 151 (2), S. 500-055, doi: 10.1016/j.jad.2013.06.034. Epub 2013 Jul 17.

Wirkungsforschung zur Schematherapie am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München: http://www.psych.mpg.de/2061515/evidenzbasierung



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